19540409 Carlberg Eroeffnungsvortrag.shtml 14.01.2012

 

9. April 1954

 

Eröffnungsvortrag

Deutsche Gesellschaft für Kartographie E. V.
Ortsverein Karlsruhe

Die erste Veranstaltung des neuen Ortsvereins fand bereits am 9. April 1954, also zwei Monate nach dessen Gründung, im Kleinen Hörsaal des Elektrotechnischen Instituts der Technischen Hochschule Karlsruhe statt. Diesen Eröffnungsvortrag hielt Dr. Berthold Carlberg, Bern/Schweiz.

Die russische Methode der »komplexen« Karte

Der sowjetische Kartograph Skworzow hat sich jüngst über „Die Anwendung der Grundsätze der Malerei in der Kartographie“ ausgelassen 1). Aus diesen Ausführungen wird ersichtlich, dass die sowjetische Kartographie, und hier insbesondere das Zentralinstitut für Geodäsie, Luftaufnahme und Kartographie in Moskau, die Arbeiten der Schweizer seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem Gebiete der Reliefkartographie und offenbar auch die deutschen Bestrebungen hinsichtlich der „wirklichkeitsnahen“ Karte mit Gewinn studiert haben. Da zudem Archivfunde Kartenhandzeichnungen aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts zutage förderten 2), in denen die russischen Ingenieurkartographen damals die Feldzüge ihres großen Generals Suworow in der Schweiz kartographisch festgelegt haben – in einer naturähnlichen Wiedergabe der Berglandschaft, die der späteren „Schweizer Manier“ verwandt erscheine –, so steht Skworzow nicht an, die Methode der Naturkarte, der »komplexen« Karte, das heißt dem generalisierten farbigen Luftbild, als die „russische Methode“ in Anspruch zu nehmen. Bedauerlicherweise sind dem Artikel von Skworzow keinerlei Proben beigegeben worden, sodass es nicht möglich ist, die theoretischen Erörterungen an praktischen Beispielen nachzuprüfen.

Es dürfte sich darum lohnen, die Bemühungen der Schweizer und der Deutschen in dieser Richtung zu verfolgen und an typischen Beispielen sich vor Augen zu fuhren.

Die so genannte „Schweizer Manier“ befasst sich mit der Darstellung des Geländes von alpinen und von Mittelgebirgslandschaften durch künstlerisch-malerische Mittel. Sie ist in ihrer Art einzig und nirgends sonst hat sich die Kartographie dem künstlerischen Schaffen so genähert wie in diesen Kartenbildern. Es war der Initiative des 1863 gegründeten Schweizer Alpenclubs zu verdanken und seiner finanziellen Unterstützung (50 % der Herstellungskosten), dass die amtlichen Aufnahmeblätter im Originalmaßstab veröffentlicht wurden. Männer wie Leuzinger, Imfeld, Becker und Kümmerly hatten es sich dann zur Aufgabe gemacht, diese Höhenlinienkarten (Siegfriedblätter) durch Übermalung plastisch anschaulich zu gestalten, bis zu jener Vervollkommnung, die uns noch heute in Bewunderung versetzt. Durch einige treffende Beispiele, unter anderem auch der aus einem Preisausschreiben hervorgegangenen denkwürdigen Schulwandkarte der Schweiz von Kümmerly aus dem Jahre 1903, konnte diese Entwicklung veranschaulicht werden.

Heute ist diese Manier mit dem Namen von Eduard Imhof verbunden. Er hat die realistisch-impressionistische Malweise seiner Vorgänger formal ausgebaut. Hatten jene einen Aquarellentwurf geschaffen, den die Chromolithographen dann in die einzelnen Farbplatten zerlegten, so gründet Imhof sein Geländebild auf eine einfarbige Schummerung, die, farbig zerlegt, von hypsometrischen Tönen überlagert wird. Auch von ihm und seinem Schüler Kurt Ficker wurden Proben gezeigt. Ihnen gegenübergestellt werden konnten Beispiele aus anderen Ländern, um deren Art, das Problem zu meistern, zu zeigen.

In Deutschland war man, von der Schule her angeregt, zur „wirklichkeitsnahen Karte“ vorgestoßen, die zum Relief auch die Bodenbedeckung bringt. Der betreffende Schulerlass von 1938 hatte eine Reihe von Versuchen veranlasst, unter denen besonders die von Plümer und Beul mit ihrem Hochbildatlas und die von Klenk in Zusammenhang mit dem Wenschowverfahren wertvolle Ergebnisse brachte. Die „modulierte Waldplatte“ von Schmidt (Kartographische Nachrichten 54, 1) zeigt, dass neuerdings weitere beachtliche Versuche in dieser Richtung unternommen werden, die der wirklichkeitsnahen Karte ihre Zukunft sichern dürften. Neben diesen Arbeiten konnten Proben auch aus anderen Ländern gezeigt werden, die, wie in Schweden, kindertümlich betont sind, oder, wie in Österreich, Frankreich, Italien gemäßigter, konservativer gestaltet wurden.

Die Ausführungen von Skworzow lassen in der Diktion, wenn jauch außer Brückner, Peucker, Raisz und Kümmerly keine nichtrussischen Namen genannt werden, die Quellen wohl erkennen, aus denen geschöpft wurde. Man wird mit Spannung die weitere Entwicklung drüben verfolgen dürfen, die bei den zur Verfügung stehenden Mitteln eine beachtliche sein wird. Es wäre zu wünschen, dass sich wie in der Sowjetunion der Staat oder, wie in der Schweiz private Institutionen, so auch in Deutschland maßgebende Kreise bereit fänden, die Mittel zur Verfügung zu stellen, um den hoffnungsvollen Ansätzen in Deutschland zur Durchführung zu verhelfen.

1)     P. A. Skworzow, 0 primenenil w kartografii prinzipow ziwopisi. Aus Woprosyi geografii (Fragen über Geographie) 1950, Bd. 22, S. 60 - 81, Deutsche Übersetzung in „Beiträge aus der sowjetischen Kartographie“, 34. Beiheft zur „Sowjetwissenschaft“, Berlin 1953, S. 77 - 98

2)     „Atlas des Feldzuges der russischen kaiserlichen Truppen in der Schweiz unter der Führung des Generalissimus Fürst Suworow-Rymnikski im Jahre 1799“

Dr. Berthold Carlberg

 

Dr. Berthold Carlberg wirkte seinerzeit in Bern und war mit einem früheren Zug in Richtung Norden gefahren, als er geplant hatte. Als dieser Zug zur „richtigen“ Ankunftszeit hielt, stieg der Redner aus und stand auf dem Bahnhof von Neustadt an der Weinstraße. Die Rückkehr nach Karlsruhe nahm einige Zeit in Anspruch, so dass Heinz Bosse dem wartenden Auditorium die Zeit bis zum verspäteten Vertragsbeginn durch einige „Ausführungen über die Ziele und Aufgaben der DGfK“ etwas verkürzen musste.

Helmut Lehmann

 

Quelle: Kartographische Nachrichten (KN2/54), Jahrgang 1954, Seite 24 f