HistKoll01-02.shtml 22.03.2012
13. Dezember 2001
Vermessungs- und Kartographiegeschichtliches Kolloquium 2001/2002Am 25. Oktober 2001 wurde die Reihe durch Professor Dr.-Ing. Kurt Brunner, Institut für Photogrammetrie und Kartographie der Universität der Bundeswehr München, mit dem Thema: „Geheimhaltung und Verfälschung topographischer Karten“ eröffnet. Seit es topographische Karten gibt, wurden sie aus Gründen der Landessicherheit und zur Wahrung wirtschaftlicher Belange immer wieder geheim gehalten oder verfälscht. Topographische Karten können Informationen von hohem politischen, wirtschaftlichen, strategischen und militärischen Wert vermitteln. Es ist daher verständlich, dass stets viel getan wurde, um dem politischen Kontrahenten, dem wirtschaftlichen Rivalen oder dem militärischen Gegner Karten entweder durch ihre Geheimhaltung vorzuenthalten oder gezielt mit Verfälschungen zukommen zu lassen. Geheimhaltung und Verfälschung wurde und wird auch in unserer Zeit ausgeübt und nicht nur in totalitären Staaten. Einen Höhepunkt stellt jedoch die Sowjetkartographie unter Stalin und später während des Kalten Krieges diejenige der Satellitenstaaten dar. Aber auch die NATO und das moderne GIS kennt Verfälschungen von Positionsbestimmungen und Abschaltungen desselben.
Professorin Dr. Brigitte Englisch, Institut für Mittelalterliche Geschichte der Universität Paderborn, sprach am 6. Dezember 2001 über „Phantastisches Weltbild oder realitätsorientierte Karte? Zur Adaption und Darstellung topographischer Strukturen in den MAPPAE MUNDI des Mittelalters“. Die Abbildung topographischer Gegebenheiten durchlief im Mittelalter durchaus eine Entwicklung, wenn auch vielfach nur in verkümmerter Form. Die Wiedergabe der Objekte erfüllte unterschiedliche Aufgaben. Flüsse wie Don, Nil, Jordan und auch das Mittelmeer waren bereits in den T-Karten dargestellt. In den Großkarten des 13. Jahrhunderts, wie der Ebstorfkarte, traten neue topographische Einzelheiten hinzu. Aber erst in den Reise- und Pilgerkarten des ausgehenden Mittelalters sind Geländeformen und Flussläufe realitätsnah wiedergegeben. Ausgehend von der Funktion und der Struktur wurde die Entwicklung bis hin zur topographischen Kartentechnik des 16. Jahrhunderts aufgezeigt. Professorin Englisch geht bei den Weltkarten von einem kontinuierlichen Wissen aus. Ihre These vom „etablierten Handbuchwissen“ aus der Antike als Basis kartographischen Schaffens wurde lebhaft diskutiert.
Die vierwöchige Wanderausstellung im Lesesaal der FH/PH wurde am 13. Dezember 2001 mit einem Einführungsvortrag von Professor Dr. Paul Fogelberg, Geographisches Institut der Universität Helsinki, mit dem Thema „Hundert Jahre Nationalatlas von Finnland“ eröffnet. Der 1899 veröffentlichte finnische Nationalatlas gilt als der erste der Welt. Die Ausstellung sollte zeigen, welche politischen Umstände und welche wissenschaftliche Bedeutung den Hintergrund zur Veröffentlichung bildeten. Die Erstausgabe war nicht nur eine bedeutende wissenschaftliche Leistung, sie ist auch als politische Manifestation zu sehen. Der Atlas sollte zeigen, dass Finnland mehr als ein peripherer Teil Russlands war. Er spielte eine bedeutende Rolle in der Entwicklung des agrardominierten Großfürstentums zu einer unabhängigen Republik, die sich zu einem von hoher Technologie geprägten Mitglied der Europäischen Union gewandelt hat. Die Ausstellung erläuterte ausgewählte Karten aus der Erstausgabe sowie aus den zwischen 1910 und 1999 erschienenen fünf neubearbeiteten Auflagen. Der Jubiläumsatlas ist bisher nur in finnischer Sprache gedruckt worden. Eine englischsprachige CD erscheint Ende des Jahres. Gezeigt und von Professor Fogelberg erläutert wurden unter anderem Karten der Themenbereiche: Nordlichtvorkommen, Gewittertage, Hydrologie, Wald, Moor, Landwirtschaft, Bevölkerungsverteilung, aber auch Kuriositäten wie Quacksalberei oder Schädelformen.
Helmut Lehmann