HistKoll02-03.shtml 22.03.2012
5. Dezember 2002
Vermessungs- und Kartographiegeschichtliches Kolloquium 2002/2003Am 21. November 2002 sprach Prof. Dr.-Ing. Bernd Teichert, Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (FH), Fachbereich Vermessungswesen und Kartographie, über „Das Weltkulturerbe der Linien und Geoglyphen der Pampa von Nasca/Peru in einer GIS-Entwicklung“. Teichert, der an der Vorgängereinrichtung der Fachhochschule Karlsruhe Vermessungswesen studiert hat, betreut das Nasca-Projekt des Fachbereichs V/K der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden. Dieses Projekt entstand, weil die Stadt Dresden sich der jüngst verstorbenen gebürtigen Dresdnerin Dr. Maria Reiche verbunden fühlt. Sie ist die viele Jahrzehnte tätige Erforscherin der weltberühmten, Hunderte und gar Tausende von Metern großen, präkolumbianischen Einzeichnungen in den Erdboden der Pampa von Nasca. Die Bedeutung der in Jahrhunderten immer wieder übereinander angelegten Linien, Flächen, Steinobjekte, Tier- und Pflanzenbilder (Geoglyphen) ist ungeklärt. Reiche und andere vermuten einen astronomisch-kalendarischen Hintergrund, zum Beispiel weil sich die Bilder als Sternbilder deuten lassen (etwa die Spinne als unser Orion). Im Nasca-Projekt wird versucht, die Linien mit Himmelskörpern zu korrelieren, zum Beispiel als Sonnenwendlinien, und die Geoglyphen mit Sternbildern in Übereinstimmung zu bringen. Die Zeichnungen sollen vollständig photogrammetrisch ausgewertet, alle Daten ins NascaGIS übernommen, das NascaGIS im Internet vorgestellt und die archäoastronomische Theorie verifiziert werden.
Joachim Neumann
Über ein ähnliches Thema sprach am 5. Dezember 2002 Prof. Dipl.-Ing. Karl Ammann von der Fachhochschule beider Basel: „Kalender-Astronomie, Spuren früher Vermessung und Raumordnung in der Schweiz“. Anhand von Kartenbeispielen wurde gezeigt, dass alte christliche Kirchen auf Kultachsen (geraden Linien) und deren Schnittpunkten liegen. Die Absteckung der Geraden kann als frühe Vermessung und Raumordnung bezeichnet werden. Vermutlich gehen Spuren systematischer Vermessungen sogar auf die Kelten zurück. Kalender, Kult, Vermessung und Raumordnung bildeten ein integrales Konzept der römischen Landaufteilung (Limitation). Die drei Belchen, der elsässische, der badische und der Schweizer Belchen, markieren ein pythagoreisches astronomisches Megadreieck von 80 km Seitenlänge. Zwischen den römischen Limitationsvermessungen und den ersten systematischen Vermessungen zu Beginn der Neuzeit klafft eine große Lücke. Man kann aber davon ausgehen, dass sich Teile der Limitation in christlichen Kultbauten, Gemeinde-, Bezirks- und Landesgrenzen und – bis zum Beginn der umfangreichen Bautätigkeit der Neuzeit – auch im Wegenetz erhalten haben. Die Limitationen sind weitgehend nach der Sonnenwende ausgerichtet. Man erkennt dies an der Orientierung des Basler Münsters und an der Ausrichtung der römischen Siedlung Augusta Raurica. Dort scheint die Sonne zur Sommersonnenwende durch die Hauptachse der Stadt. Abschließend wurde die Analysierung eines Kartenausschnitts vorgeführt. Amman betont, dass seine Erkenntnisse noch intensiver interdisziplinär erforscht werden müssten.
Helmut Lehmann