Koll02-03.shtml 22.03.2012

 

9. Januar 2003

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Kartographisches Kolloquium 2002/2003

Sektion Karlsruhe der Deutschen Gesellschaft für Kartographie e. V.
und Fachhochschule Karlsruhe für Technik,
Fachbereich Geoinformationswesen

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Dipl.-Ing. Erwalt Philipp, Landesvermessungsamt Baden-Württemberg, Abteilung Geodäsie, Karlsruhe, eröffnete die Vortragsreihe am 31. Oktober 2002 mit dem Thema „Das Digitale Landschafts-Modell – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft“. Das Digitale Landschafts-Modell (DLM) ist Hauptbestandteil des Amtlichen Topographisch-Kartographischen Informationssystems (ATKIS).

 

Dipl.-Ing. Erwalt Philipp

Foto Helmut Lehmann

Dipl.-Ing. Erwalt Philipp

 

Dieses wurde von den Vermessungsverwaltungen der Länder bundesweit eingeführt. Es ist das Ergebnis der topographischen Landesaufnahme. An Beispielen wurde die Realisierung in Baden-Württemberg gezeigt. Die zweite Erfassungsstufe wird in Kürze abgeschlossen. Neben der ursprünglich vorgesehenen Verwendung für militärische Zwecke und in der eigenen Kartographie stehen heute Umweltschutz, Planung, Straßenbauverwaltung sowie Polizei und Rettungswesen im Mittelpunkt. Die Digitale Topographische Karte 1 : 10 000 (DTK10) wird ohne interaktive Eingriffe aus dem DLM abgeleitet. Das gezeigte Beispiel überzeugte. Im Projekt ATKIS-Modellgeneralisierung wird die rechnergestützte Ableitung eines DLM50 aus dem Basis-DLM entwickelt. Hier soll nicht nur eine neue Produktreihe, sondern auch eine unmittelbare Anwendung des DLM für die Kartenmaßstäbe 1 : 50 000 und kleiner geschaffen werden. Ferner ist geplant, im Rahmen des Projekts Amtliches Liegenschaftskataster Informationssystem (ALKIS) alle raumbezogenen Daten der Vermessungsverwaltung in ein einheitliches Datenmodell zu überführen. Dort wird das DLM die topographisch-kartographische Zentralkomponente bilden.

Die Nachsitzung fand im urigen Gewölbekeller des Badischen Brauhauses statt. Man war sich einig, dass der Vortrag auch ohne den ausgefallenen Beamer ein voller Erfolg war, wozu nicht nur die vorsorglich mitgebrachten Tageslichtfolien, sondern auch Philipps hintergründiger Humor beigetragen haben. In Anwesenheit von FH-Prorektor Prof. Dr. Wolfgang Fritz tauchte im Laufe des Abends ein Flyer auf, der das 50-jährige Landesjubiläum auf seine Art würdigt. Wir möchten Ihnen diesen nicht vorenthalten und bitten vorsorglich alle „Ostbadener“ um wohlwollendes Verständnis.

 

Flyer zum 50-jährigen Landesjubiläum

 

Über „Kartographie zwischen gestern und morgen“ sprach am 14. November 2002 Dipl.-Ing. Dr. Peter Aschenberner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kartographie (DGfK) und Inhaber des Ingenieurbüros für digitale und analoge Kartographie E. Hornung in Hannover. Kartographische Darstellungen sind schon aus der frühen Antike bekannt. Fertigten zunächst Universalgelehrte kartographische Darstellungen, so war ab dem Mittelalter eine Arbeitsteilung zu verzeichnen – der Beruf des Kartographen entstand. Mit zunehmendem Wissen um unsere Erde, der steigenden fiskalischen Bedeutung von Einnahmen und der zunehmenden Bedeutung von Landkarten für militärische Planungen begann die Blütezeit der Kartographie und mit ihr die der Kartographen, denn nur sie waren in der Lage, die komplizierten Sachverhalte bis zum Druck einer Karte zu führen. Wesentliche Impulse gaben Kupferstich, Lithographie und Gravur.

 

Dipl.-Ing. Dr. Peter Aschenberner und Prof. Hans Kern (v. l.)

Foto Helmut Lehmann

Dipl.-Ing. Dr. Peter Aschenberner und Prof. Hans Kern (von links)

 

Die EDV wurde zunächst nur sehr zögernd einbezogen, doch innerhalb eines Jahrzehnts änderte sich das. Mit dem Voranschreiten der digitalen Techniken waren die traditionellen kartographischen Tugenden nicht mehr gefragt. Die Anforderungen an die in der Kartographie Tätigen haben sich stark gewandelt. Wer diesen Wandel nicht mitmachte, ist nicht mehr im Beruf. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der kartographischen Betriebe fast halbiert. Bei der Beschreibung der gegenwärtigen Veränderungen und der Zukunftsperspektiven der Kartographie nahm der wirtschaftliche Aspekt einen großen Raum ein. Es gibt noch keine Qualitätssicherung, d.h. noch keine ISDN-Norm in der Kartographie. Auch die DGfK reagiert auf den Wandel. Aschenberner endete mit einem guten Rat an die Studenten: „Junge Leute müssen beweglich sein, diejenigen, die am beweglichsten sind, kommen als erste unter“.

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dietmar Grünreich, Präsident und Professor des Bundesamtes für Kartographie und Geodäsie (BKG), Frankfurt am Main, war am 28. November 2002 mit dem Thema „Die Kartographie in der Informations- und Wissensgesellschaft“ zu Gast. Im Vorfeld der Veranstaltung tauchte die Frage auf, ob das denn „der Grünreich“ sei. Gemeint war der bekannte Fachbuchautor. Die Antwort konnte nur lauten: „Ja, das ist er!“ Im Februar hat der Deutsche Bundestag eine Resolution zum Geodateninformationswesen verabschiedet. Darin wird die Bundesregierung unter anderem zur Stärkung des Geoinformationswesens und zum Aufbau einer Geodateninfrastruktur aufgefordert.

 

Uni.-Prof. Dr.-Ing. Dietmar Grünreich und Prof. Hans Kern (v. r.)

Foto Helmut Lehmann

Uni.-Prof. Dr.-Ing. Dietmar Grünreich und Prof. Hans Kern (von rechts)

 

Zu schaffen sei ein einfacher Zugang zu amtlichen Geodaten für die Anwender, die Forschung und zur Entwicklung zukunftsorientierter GI-Anwendungen. Im Hinblick auf eine umfassende Nutzung der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie werden derzeit im Bereich des Geoinformationswesens internationale, nationale, regionale und lokale Geodateninfrastrukturen (GDI) aufgebaut. Sie sollen das traditionell in Kartenwerken abgebildete Geowissen durch Daten darstellen, die nutzerorientiert zu visualisieren sind. Insgesamt handelt es sich hierbei um das gesamte Aufgabenspektrum der modernen Kartographie. Derzeit erfolgt der Aufbau der Geodateninfrastruktur (GDI-DE). Für die Anwendung folgt die Erschließung der GDI-DE über ein GeoPortal.Bund. Fachdaten werden verknüpft, soweit das möglich ist. Arbeitsschwerpunkte sind, neben der raumbezogenen Statistik, die Bereiche Naturschutz (Beispiel Schutzgebietskarte), Emissionskontrolle (Umsetzung des Kyoto-Protokolls) d.h. Umweltschutz, Verkehrswesen und Katastrophenvorsorge (deNIS = Deutsches Notfallvorsorge-Informationssystem). Die an einer Vielzahl verschiedener Stellen geführten Fachdaten werden künftig länderübergreifend vertrieben. Es wurden Anwendungsbeispiele aus dem BKG und dem IMAGI (Interministerieller Ausschuss für Geoinformation in der Bundesverwaltung) gezeigt. Ausgelöst durch die Flutkatastrophe an Elbe und Mulde steht das BGK unter erheblichem Druck. Abschließend erfolgte ein Ausblick auf Entwicklungsaufgaben und Perspektiven der Kartographie. Im Anschluss an den Vortrag überreichte der Sektionsleiter Prof. Grünreich gewissermaßen als Dankeschön den „Kleinen Hake/Grünreich“ (Schwieder, Wolfram, Richtig Kartenlesen, Reise-Know-How Verlag Rump, Bielefeld 1999). In räumlicher Enge brachte das gut besuchte Postkolloquium bei einigen Freirunden interessante Gespräche.

Beim BKG sind z.Z. zwei Stellen für Ingenieur-Kartographen zu besetzen. Von den Bewerbern werden ein sehr starkes Systemverständnis erwartet und gute Kommunikationsfähigkeiten, auch in Englisch.

Am 9. Januar 2003 sprach Dipl.-Geograph Stefan Meier, Baudepartement des Kantons Aargau, Schweiz, Abteilung Landschaft und Gewässer, über „Geodatenmanagement in einer kantonalen Verwaltung – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“. Im Aargau gibt es die Fachstelle Aargauisches Geographisches Informationssystem (AGIS), welche vor elf Jahren mit wenigen Tierinventaren angefangen hat.

 

Dipl.-Geograph Stefan Meier

Foto Helmut Lehmann

Dipl.-Geograph Stefan Meier

 

Heute umfasst die zentrale Datenhaltung ca. 450 verschiedene Datensätze aus allen Lebens- und Arbeitsbereichen des Kantons. Wer etwas für die Natur erreichen will, braucht ein Geographisches Informationssystem. Für AGIS steht ein eingespieltes Spezialistenteam zur Verfügung, um Daten zu pflegen, zu verwalten, zu modellieren und vor allem um Dienstleistungen für die Verwaltung und die Öffentlichkeit zu erbringen. Die Fachstelle dient der Bevölkerung als Ansprechpartner für die Bereiche Natur, Landschaft und Gewässer www.ag.ch/alg. Ziel ist es, Daten für den ganzen Kanton flächendeckend bereitzustellen und zu verwalten. Zu den Aufgaben gehört auch die Kartenherstellung für die Gemeinden, die in der Schweiz über große Selbständigkeit verfügen.

 

Die alten Rittersleut nach der Nachsitzung im Badischen Brauhaus

Die alten Rittersleut nach der Nachsitzung im Badischen Brauhaus

 

Den internen Organisationsformen zum Datenmanagement (unter anderem die Metadatenverwaltung) folgen zunehmend Internetlösungen, um Geoinformationen der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Wichtig ist, dass der Nutzer auch Karten ausdrucken und mit in das Gelände nehmen kann. Die Abgabe von Geodaten erfolgt kostenlos.

In Aarau wurde 2002 das Naturama eröffnet. In diesem modernsten Naturmuseum der Schweiz werden mit den verschiedensten digitalen Geodaten Multimediainstallationen, Kartographie und 3D Virtual Reality betrieben. Der Besucher kann unter anderem eine Folge von Orthophotos abrufen, um zu sehen, wie sich die Landschaft seit 1930 verändert hat. Auch ein digitales Höhenmodell 1 : 10 000 kann genutzt werden.

Der Vortrag bot einen Überblick über die konkrete Situation im Kanton Aargau und über die dort eingesetzte Software. Vorgestellt wurden Eigenentwicklungen, verschiedene Anwendungsmöglichkeiten von Geodaten und neueste Entwicklungen im Bereich Virtual Reality sowie Internet-GIS. Einige Beispiele lassen sich bereits jetzt im Internet abrufen. Das Ziel heißt: „Geodaten für alle“. Man strebt an, Geodaten nicht nur in einer Richtung fließen zu lassen, sondern umgekehrt auch das Wissen der Bevölkerung zu nutzen.

Helmut Lehmann