Studienreise GothaLeipzig.shtml 04.02.2011
22. April 2005
Die dreitägige Studienreise nach Leipzig und Gotha wurde von den Professoren Dr. Gertrud Schaab und Dr. Heinz Musall vom Studiengang Kartographie und Geomatik der Fachhochschule Karlsruhe organisiert. Stationen waren unter anderem die Forschungsbibliothek der Universität Erfurt sowie die Kartensammlung des ehemaligen Justus Perthes Verlages in Gotha. In Leipzig erfolgte eine Stadtführung sowie der Besuch des Leibniz-Instituts für Länderkunde. Zu den Teilnehmern zählten vor allem Studenten des Studiengangs, aber auch Mitarbeiter, Professoren und DGfK-Mitglieder.
Die Busfahrt führte über die Autobahn nach Gotha. Unterwegs erweiterte Dr. Heinz Musall unser geographisches Wissen mit Hilfe ausgeteilter Karten zur Tektonik, Geologie und Geomorphologie der Strecke.
|
Foto Dorothea Sodomann Die Teilnehmergruppe vor dem Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig 1. Reihe kniend von links: Tobias
Hörnle, Tobias Diehl, Eileen Mosch, Fabian Fusshöller,
Markus Klaß, Imke Dörge |
Der erste Programmpunkt in Gotha war der Besuch der Forschungsbibliothek der Universität Erfurt. Dank der Beziehungen von Dr. Gertrud Schaab, ihr Bruder ist der Leiter dieser Einrichtung, bekamen wir die Möglichkeit, hier eine Führung zu machen, und später die Kartensammlung und kartographische Bibliothek des ehemaligen Justus Perthes Verlages zu besichtigen, die in den Besitz des Landes Thüringen übergegangen ist. Die Führung begann mit der Begrüßung durch Dr. Rupert Schaab und einer kurzen Einführung zur Forschungsbibliothek, einer der größten überhaupt. Daran schloss sich ein Rundgang mit Dr. Kathrin Paasch an. Alle waren ziemlich beeindruckt von den komplett mit Bücherregalen überzogenen Wänden, bestückt mit alten Büchern. Eine Besonderheit ist, dass die Bücher früher Unikate und deshalb so viel wert waren, sowie mit der offenen Seite nach vorne in den Regalen standen. Deshalb haben viele vorne so genannte „Schließen“, auf dem der Titel aufgedruckt war, nicht wie heute auf dem Buchrücken. Des weitern wurden einige alte Karten präsentiert, die den einen oder anderen in große Begeisterung verfallen ließen. Nachdem sich auch die letzten wieder davon losreißen konnten, wurde eine Sammlung von Leichenpredigten besichtigt. Den Abschluss der Führung bildete der Besuch des Spiegelsaals. Dr. Kathrin Paasch wurde von Dr. Gertrud Schaab als Dankeschön eine Flasche Wein überreicht.
Anschließend ging es weiter zur Kartensammlung und zur kartographischen Bibliothek des ehemaligen Justus-Perthes-Verlags, Gotha, heute Klett-Perthes. Hier hatte man unter anderem das Glück, einige Klassiker der Schulatlanten im Original zu sehen. Darunter befanden sich bekannte Exemplare, so der Stieler Handatlas oder Atlanten von berühmten Kartographen, wie Petermann, Berghaus, von Sydow, Vogel oder Haak. Beeindruckend war die Information, dass zur Zeit des Kupferstiches etwa 16 Jahre bis zur Fertigstellung eines Atlasses gebraucht wurde.
|
Foto Christina Greschner Silvia Böhler, Helena Köhler, Eileen Mosch (von links) |
Am nächsten Tag stand der Besuch des Verlags Klett-Perthes auf der Tagesordnung, dessen Druckvorstufe nach wie vor in Gotha ansässig ist. Es wurde mit einem Vortrag über die Geschichte des Verlages begonnen. Man erfuhr, dass Johann Georg Justus Perthes mit seinem „Adelsführer“, einem genealogischen Buch der Stände, ein „Who is Who“ auf französisch, der Gründer war. Dieses Buch hatte jedoch nichts mit Kartographie zu tun. Es wurde bis 1944 herausgegeben. Inzwischen erscheint dieser Almanach zwar noch, allerdings in England. Der Start der Kartographie des Verlages begann erst mit dem Eintritt von Stieler, der für viele Jahre ein Synonym für Atlasqualität werden sollte (1838). Ein weiterer namhafter Kartograph war Petermann, einer der bedeutendsten Geographen, der in Gotha arbeitete. Im Verlag wurden „Petermanns Mitteilungen“ herausgegeben, die immer eine Kartenbeilage enthielten (1855). Auch sie werden inzwischen nicht mehr vom Verlag herausgegeben. 1897 kam Hermann Haak zum Verlag. 1911 wurde der Verband Deutscher Schulgeographen gegründet, der für knallige Farben in seinen Schulwandkarten bekannt war, sowie für den schwarzen Rahmen um diese, als Blickfang in großen Klassen. Dieser ist auch heute noch als Markenzeichen auf den Karten erhalten geblieben. 1871 wurde „Vogels Karte des Deutschen Reiches“ herausgebracht, die erste Karte mit einheitlichem Maßstab.
Nach der Verstaatlichung des Verlags mit Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) im Jahre 1949 fand ein Umbruch in der sehr erfolgreichen Verlagsgeschichte statt: 1955 wurde Dr. Joachim Perthes enteignet und floh daraufhin nach Darmstadt. Der Verlag in Gotha wurde 1953 in Geographisch-Kartographische Anstalt für Schulwandkarten umbenannt, 1955 in VEB Hermann Haak und war lange Zeit ein Monopolbetrieb. Erst 1992 wurde der Verlag in Gotha wieder privatisiert und erhielt seinen ursprünglichen Namen zurück. Seit 2003 hat Klett den Verlag übernommen. Er heißt seither Klett-Perthes. Das Land Thüringen kaufte die Kartensammlung und die kartographische Bibliothek.
|
Foto Christina Greschner Imke Dörge, Tobias Lung, Tobias Diehl, Dorothea Sodomann, Anette Meier (von links) |
Der zweite Teil des Vortrages befasste sich vorwiegend mit den Produktmarken des Verlages, wie dem erfolgreichen Erdkundebuch „Terra“, das wegen der unterschiedlichen Schulsysteme in den 16 Bundesländern und Schulen über 100 verschiedene Ausgaben hat. Später schloss sich noch eine Besichtigung der kartographischen Produktionsstätten an, die im Vergleich zu früheren Zeiten natürlich nicht mehr so groß sind, unter anderem wegen des Einzuges des Computers. Im Haus befindet sich nur noch die Druckvorstufe.
Nach der Besichtigung ging es nachmittags nach Leipzig weiter. Zuerst fand eine Stadtführung statt, geleitet von Dr. Sabine Tzschaschel, Mitarbeiterin des Leibniz-Instituts für Länderkunde. Eine der ersten Informationen war, dass 50 000 Wohnungen in Leipzig leer stehen und voraussichtlich nie mehr bezogen werden. Diese erschreckenden Fakten machten sich auch bei der späteren Führung bemerkbar: so schöne Stadtteile und schöne Häuser Leipzig auch haben mag, ein Stückchen Lebendigkeit fehlt, die teils dünne Besiedlung ist dem Stadtbild anzumerken.
Trotz dieser wenig erbaulichen Information soll kein schlechtes Bild über Leipzig verbreitet werden. Der erste Teil der Führung brachte uns auch gleich in das schöne Graphische Viertel. Hier haben sich ehemals die ersten Druckereien angesiedelt. Aus diesem Grund findet man hier auch heute noch einige der bekanntesten Verlage, wie den Insel- oder den Reclam-Verlag. Leipzig kann auf eine lange Buchdrucktradition zurückblicken, die sich unter anderem durch die günstige Verkehrslage dieses Viertels, es lag inmitten von sechs Bahnhöfen, so gut entwickeln konnte. Weitere Stationen auf dem Weg zur Innenstadt waren die Mustermesse, der Augustinus-Platz (ehemals Karl-Marx-Platz), die Nikolaikirche, der Hauptbahnhof, früher einmal der größte Europas, der Naschmarkt hinter dem Rathaus und das „Barfußgässle“, Ausgeh-Viertel der Stadt. Den Abschluss machte die Thomaskirche, in welcher der Thomaner-Knabenchor sein zu Hause hat. Nach Überreichung eines kleinen Geschenkes durch Dr. Gertrud Schaab, stand der Rest des Abends zur freien Verfügung.
Am letzten Tag der Studienreise stand in Leipzig die Besichtigung des Leibniz-Instituts für Länderkunde an, das für die Bearbeitung und Herausgabe des Nationalatlasses von Deutschland zuständig sind. Begonnen wurde mit einem Vortrag durch Sebastian Lenz, seit zwei Jahren Direktor des Instituts. Wir erfuhren etwas über die Geschichte des Institutes, Veränderungen nach dem Fall der Mauer und die aktuell vorherrschende Organisation. Noch einmal wurde die Bedeutung eines Nationalatlas für ein Land in Erinnerung gerufen: man will sich nach außen präsentieren, eine Dokumentation und Aushängeschild eines Landes. Die Bundesrepublik Deutschland hatte im Gegensatz zur DDR noch nie einen Nationalatlas. Nach dem Vortrag führte uns zuerst Dipl.-Ing. (FH) Werner Krauss, dann noch einmal Dr. Sabine Tzschaschel, die schon die Stadtführung gemacht hatte. Man erfuhr viel über die verschiedenen Arbeitsabläufe bei der Erstellung und bekam Einblick in die unterschiedlichen Abteilungen.
Zum Abschluss bot sich die Möglichkeit, in der Kantine des Instituts ein Mittagessen einzunehmen. Nach einem Gruppenfoto begann die relativ lange Rückfahrt. In den drei Tagen bestand die Möglichkeit, kartographisch interessante Orte zu besuchen, zu denen man als Privatperson nicht unbedingt Zugang erhält. Besonders hervorzuheben sind die Kartensammlung des ehemaligen Justus Perthes Verlages und die Bearbeitung des Nationalatlasses im Leibniz-Institut für Länderkunde, in die wir nicht zuletzt durch das Engagement unserer Professoren Einblick bekamen. Ein besonderes Bonbon waren natürlich der Besuch der Forschungsbibliothek, sowie die Stadtführung in Leipzig, die nicht unerwähnt bleiben sollen.
Ein großes Dankeschön geht an die Damen und Herren in Gotha und Leipzig, die sich viel Zeit für uns genommen, uns geführt und an ihrem Wissen teilhaben ließen. Herzlichen Dank auch unseren Professoren Dr. Schaab und Dr. Heinz Musall für die tolle Organisation und reibungslose Durchführung dieser interessanten Studienreise. Nicht zuletzt geht ein Dankeschön an die Sektion Karlsruhe der DGfK, die ihren Mitgliedern einen kleinen Zuschuss zur Reise bewilligen konnte und auf diese Weise ebenfalls die Teilnahme an dieser Reise gefördert hat.
Christina Greschner
Kartographiestudentin 8. Semester
Die Kartographen Nachrichten haben über diese Studienreise
ausführlich berichtet:
55. Jahrgang, August 2005, Heft 4, Seite 220 ff
Gertrud Schaab, Karlsruhe, Kartographische Wirkungsstätten in Gotha und
Leipzig