Brunner.shtml 22.03.2012

 

16. November 2006

Logo der Fachhochschule KarlsruheVermessungs- und Kartographiegeschichtliches Kolloquium 2006/2007

Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft, Fakultät für Geomatik und Freundeskreis Geomatik im Verein der Freunde der FH

Am 16. November 2006 sprach Univ.-Prof. Dr.-Ing. Kurt Brunner, Universität der Bundeswehr München, Neubiberg, Lehrstuhl für Kartographie und Topographie, über das Thema „Kartographie als Klimaarchiv – Karten dokumentieren den Klimawandel“. Das Klima der Erde befindet sich im ständigen Wandel, der im Zeitablauf Warm- und Kaltzeiten zur Folge hatte. Durch Vergleiche der Eisvorkommen und Verteilung von Weinbaugebieten in alten Karten kann man Rückschlüsse auf diese Klimaveränderungen ziehen.

Bereits für das Klimaoptimum der Römerzeit (200 v. Chr. bis 400 n. Chr.) lassen sich Indizien finden. In Ptolemäus’ GEOGRAPHIKE HYPHEGESIS (150 n. Chr.) ist im Nordatlantik keine Vereisung verzeichnet, während in der 1427 erneuerten Version TABULAE MODERNAE zwischen Grönland und Skandinavien der lateinische Hinweis MARE CONGELATUM (=„gefrorenes Meer“) zu finden ist.

Später, im 16. Jahrhundert, löste die in mehreren Weltkarten (z. B. Mercator, 1500) verzeichnete Meeresenge zwischen dem Polargebiet und Kanada, eine Suche dieser Nordwest-Passage aus. Ab 1576 bis 1848 versuchten mehrere Seefahrer sie zu finden und scheiterten, da alles vereist war. Somit wurde seit der Weltkarte von Hondius aus den Jahr 1636 bis um 1800 die Passage als geschlossen kartiert. Erst 1850 konnte die Nordwest-Passage von McClure nachgewiesen werden. In Stielers Handatlas 1865 taucht sie dann wieder auf.

 

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Kurt Brunner

Foto Hans Kern

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Kurt Brunner

 

Weiterhin dokumentieren viele Augenschein- und Regionalkarten zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert den einstigen Weinanbau und den Vorstoß der Gletscher. Diesen Karten ist zu entnehmen, dass es bis um 1600 umfangreichen Weinbau in Deutschland gab. Viele dieser Gebiete wurden im Dreißigjährigen Krieg zerstört und die Klimaungunst der „kleinen Eiszeit“ verhinderte das Neuanlegen der Rebflächen. Beispielsweise zeigen die Augenscheinkarte „Weiderechte bei Seßlach“ um 1534/35 und die Regionalkarte „Bairische Landschaften“ solche Weinbaugebiete, welche in den Jahren darauf eingestellt wurden. Bis heute gibt es in diesen Regionen keinen Weinbau mehr. Begünstigt durch das zurzeit herrschende Klimaoptimum, erleben wir heute dagegen eine Renaissance des Weinanbaus, auch wo zuvor kein Weinanbau möglich war (z. B. Werder bei Potsdam).

Neben den Weinbaugebieten weisen auch Gletscherkartierungen auf den Wechsel von Warm- und Kaltzeiten hin. Zum Beispiel zeigen Karten vom Vernagtferner (Tirol) um 1601 und der ATLAS TYROLENSIS von 1764/65 starke Gletschervorstöße. Erst ab 1840 sind Rückzüge von Gletschern verzeichnet. Durch die stetigen Aktualisierungen kann man heute die Rückzüge der Gletscher anhand von zeitlichen Kartenfolgen (z. B. Vernagtferner 1889 bis 1999) sehr gut verfolgen.

Durch eine kurze Einführung in die verschiedenen Klimaepochen der letzten 3 000 Jahre konnte man den Überlegungen sehr gut folgen. Zahlreiche Karten und Abbildungen unterstützten die von Prof. Brunner aufgestellten Thesen und Schlüsse.

Eileen Mosch