HistKoll05-06.shtml 22.03.2012
12. Januar 2006
Vermessungs- und Kartographiegeschichtliches Kolloquium 2005/2006Zum Thema Kartographie in der italienischen Renaissance - Grundlage für neue Berufe sprach am 01. Dezember 2005 Prof. Dr. Uta Lindgren von der Universität Bayreuth, wo sie Wissenschaftsgeschichte lehrt. Ihr Zugang zur Kartographiegeschichte ist durch ihr Fachgebiet geprägt: die mathematischen und astronomischen Grundlagen der Karten und die dazu verwendeten Instrumente. Italien war in der Renaissance nicht nur Zentrum der Kunst, sondern auch der Kartographie. Der enorme Aufschwung der Kartographie in dieser Epoche beruhte auf professioneller Arbeit. Die Kartenqualität, die vielfältige äußere Form und die ästhetische Darbietung des geographischen Inhalts verlangten Spezialisten bei der Herstellung und bei der Nutzung. Aufschwung der Kartographie bedeutete auch, dass Karten zu einem Wirtschaftsgut wurden für das es einen Markt gab. Die Professionalisierung der Kartographie geht in der Renaissance einher mit zunehmender Komplexität des Objektes, seiner Herstellung und der dazu notwendigen Mittel. Dadurch wurde ein ganzes Bündel von Berufen notwendig, die allerdings meistens nicht ausschließlich Karten herstellten. Eine herausragende Rolle spielten Adelige und Fürsten, die viel Sinn für Karten zeigten. Sie waren Auftraggeber und Mäzene und zogen Kartographen als Berater hinzu. Die eigene Karte diente der Repräsentation. Eine besondere Frage ist schließlich die der Informationsbeschaffung. Neben persönlichen Netzwerken, spielten große Zentren wie Häfen aber auch der Vatikan und andere große Höfe eine bedeutende Rolle.
Kurzweilig und spannend stellte Dipl.-Ing. Manfred Spata, Landesvermessungsamt Nordrhein-Westfalen, Bonn-Bad Godesberg, am 12. Januar 2006 „Martin Helwigs Schlesienkarte von 1561 – Ein Schmuckstück der Badischen Landesbibliothek“ vor. Der Vortragende engagiert sich besonders für die Kartographie seiner Heimat, der ehemaligen Grafschaft Glatz und verfügt über große Kenntnisse der historischen Kartographie Schlesiens. Der Breslauer Pädagoge Martin Helwig schuf von 1558 bis 1561 die erste Landkarte Schlesiens, die auf Ortsbestimmungen und Reisebeschreibungen beruht. Ohne die Förderung des Stadtkämmerers Nikolaus Rehdiger, hätte er sein Werk nicht vollenden können. Die Karte wurde auf vier Blättern in Holz geschnitten. Der Kartenrahmen enthält neben Schmuckelementen die Wappen der schlesischen Fürstentümer und ihrer Hauptstädte. Städte sind mit Kreissignatur und Namen dargestellt, einige zusätzlich durch kleine Stadtansichten. Es ist noch nicht geklärt, ob diese die individuellen Silhouetten wiedergeben oder nicht. Um die Oder von oben nach unten fließen zu lassen, ist die Karte nach Süden orientiert. Obwohl sie nur rund 300 Ortschaften aufweist, wirkt die Karte trotz ihrer Größe recht voll. Dies wird durch die überhöhte Zeichnung der Berge, die Darstellung der Waldflächen und die zu großen Ortssignaturen verursacht. Das Gewässernetz ist in den Grundzügen richtig und ausführlich wiedergegeben. Von der Erstausgabe ist nur noch das kolorierte Exemplar in der Badischen Landesbibliothek, Karlsruhe, bekannt. Die Helwigkarte erfreute sich langjähriger Beliebtheit, denn zwischen 1561 und 1889 sind insgesamt zehn Auflagen bekannt.
Helmut Lehmann
Spata, Manfred, Die Schlesienkarte von Martin Helwig aus dem Jahre 1561, Karlsruher Geowissenschaftliche Schriften, Reihe C, Band 9, FH Karlsruhe 1996, 5-18