20080117 Roesch.shtml 22.03.2012
17. Januar 2008
Vermessungs- und Kartographiegeschichtliches Kolloquium 2007/2008Nun schon zum zweiten Mal fand am 17. Januar 2008 während der „Asbestentseuchung“ des B-Baus das Vermessungs- und Kartographiegeschichtliche Kolloquium im Raum 301 des M-Gebäudes statt. Es sprach Dr.-Ing. Norbert Rösch, Geodätisches Institut der Universität Karlsruhe, zum Thema „Die deutschsprachige vermessungstechnische Fachliteratur des 16. und frühen 17. Jahrhunderts“.
Als erstes stellte Norbert Rösch das Werk von Jacob Köbel (1462–1533) „Vom künstlichen Feldmessen“ vor. Die Lektüre dieser und der übrigen diskutierten Publikationen erfordert ein Einlesen: da ist die uns fremde Schrift und Sprache und vor allem eine noch wenig ausgeprägte Begrifflichkeit. Fast entschuldigend wies der Referent auf die modernen Begriffe wie Vorwärtsschnitt, Rückwärtsschnitt und Staffelmessung, mit denen er die Abbildungen aus den besprochenen Werken versehen hatte; denn die originalen Beschreibungen zu den Abbildungen sind uns kaum verständlich. Bei der Festlegung der Länge einer Rute ist Köbel ganz modern. Er läßt 16 zufällig ausgewählte Personen ihre Schuhe aneinanderstellen; quasi ein statistisches Vorgehen. Wichtig sind die Rechenanweisungen zur Bestimmung von Flächen, zum Beispiel die Multiplikation von 16 Ruten 4 Schuh mit 4 Ruten 2 Schuh. Es konnte nur mit Ganzzahlen und nur mit kleinen Zahlen gerechnet werden. Für viele Zwecke reichen Näherungslösungen, die Flächenbestimmung ist in der Regel nur auf 20 v.H. genau. Obwohl zu seiner Zeit in der Astronomie bereits die Trigonometrie eingesetzt wird, verwendet Köbel nur die Strahlensätze wie bei der Turmhöhenbestimmung mit dem Jakobsstab.
Augustin Hirschvogel (1503–1553) veröffentlicht 1543 seine „GEOMETRIA“, in der er unter anderem eine geometrische Interpretation des Rückwärtsschnittes gibt. Sein guter Ruf bringt ihm den Auftrag der Stadt Wien ein, den Umring von Wien zu bestimmen. Das ist Grundlage für die erste topographische Karte einer Stadt. Siegmund Wellisch hat ihm 1899 die Erfindung der Triangulierung zugeschrieben, Karl Fischer hat das 1999 widerlegt.
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Abbildung aus Jacob Köbel „Vom künstlichen Feldmessen“ |
1580 erscheint von Johann Conrad Ulmer (1519–1600) die „GEODAISIA – Von gewisser un bewährter Feldmessung“. Neben vielen theoretischen Ausführungen zur Berechnung von Flächen unterschiedlichster Form findet sich der aus heutiger Sicht vielleicht interessanteste Gesichtpunkt seines Werkes bereits im Vorwort. Denn nach Ulmer sind beispielsweise Moses und Joshua als Feldmesser zu sehen, da sie mit Landzuteilung befasst waren.
Im Jahr 1598 folgt von Paul Pfinzing (1554–1599) der „METHODUS GEOMETRICA“. Hier wird erstmalig mit dem Kompass gearbeitet, Messungen werden in das Feldbuch eingetragen und später auf den Plan übertragen. Zur effektiven Entfernungsmessung konstruiert Pfinzing einen Radumdrehungsmesser. Darüber hinaus beschreibt er den graphischen Vorwärtsschnitt und stellt diesbezüglich Überlegungen hinsichtlich der Genauigkeit der Ergebnisse an.
Daniel Schwenter (1585–1636) schreibt 1623 „Ohne einig künstlich Instrument“. Strecken werden jetzt mit Stangen und Messketten ermittelt. Neben der Staffelmessung beschreibt Schwenter beispielsweise auch die Orthogonalaufnahme. Als Schüler von Johannes Praetorius stellt er in einem eigenen Traktat dessen Erfindung des „Messtischleins“, der „MENSULA PRAETORIANA“ in einer Bauanleitung vor. Darüber hinaus zeigt er die vielfältigen Möglichkeiten auf, die diese Erfindung eröffnet.
Die letzte vorgestellte Publikation stammt von Leonhard Zubler (1563–1611). Es ist das „NOVUM INSTRUMENTUM GEOMETRICUM“ aus dem Jahr 1625. Seine Verwendung findet es insbesondere für militärische Zwecke.
Norbert Rösch faßt die Ergebnisse so zusammen: Die Autoren sind sich durch den Verweis auf die Ägypter der Geschichte ihres Faches bewusst. Viele der beschriebenen Methoden bleiben über die Jahrhunderte bekannt und werden zum Teil heute noch eingesetzt. Die damaligen Instrumente dagegen sind heute weitgehend unbekannt; Näherungslösungen reichen meist; Quellen werden in der Regel nicht angegeben.
Der Vortrag hat anhand der vorgestellten Werke sehr anschaulich die Entwicklung der Vermessungstechnik nachgezeichnet, und zwar sowohl was die theoretischen Methoden als auch die eingesetzten Instrumente betrifft.
Hans Kern