20090923 Parerga-Ausstellung Bericht.shtml 14.03.2012
23.September 2009
Anlässlich des 57. Deutschen Kartographentags, der im Rahmen der INTERGEO in Karlsruhe stattfand, zeigte das Stadtmuseum Karlsruhe im Prinz-Max-Palais eine - auch aus der Sicht des Museums - sehenswerte öffentliche Landkartenausstellung, die einen repräsentativen Querschnitt kostbarer Landkarten aus vier Jahrhunderten bot. Die Stadt Karlsruhe hatte dankenswerter Weise repräsentative Ausstellungsräume bereitgestellt.
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Foto Helmut Lehmann Prof. Dr. Joachim Neumann führt in die Ausstellung ein und wirbt für den Katalog. |
Bei der Eröffnung am 23. September 2009 hieß Dr. Peter Pretsch, der Leiter des Stadtmuseums, die Gäste willkommen. Professor Hans Kern überbrachte Grußworte im Namen des 57. Deutschen Kartographentags. Anschließend sprach Professor Dr. Joachim Neumann, Wachtberg-Pech, die einführenden Worte und führte die Gäste sachkundig durch die Ausstellung. Er war es auch, der die Ausstellung federführend vorbereitete hatte. Für die Tagungsteilnehmer war sogar ein kostenloser Bustransfer zur Anfahrt von der Messe zum Museum eingerichtet worden. Im Anschluss an die Eröffnung wurden die anwesenden zu einem kleinen Umtrunk eingeladen.
Das wertvolle Ausstellungsgut konnte auch nach der INTERGEO noch bis zum 25. Oktober 2009 kostenlos besichtigt werden.
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Foto Helmut Lehmann Dr. Peter Aschenberner (zweiter von links) war unter den ersten Besuchern. |
Dr. Thomasz Niewodniczanski, Bitburg, ist einer der bedeutendsten Kartensammler unserer Zeit. Als bei den Vorbereitungen für die INTERGEO eine Ausstellung alter Landkarten angeregt wurde, zögerte er nicht, seine Sammlung zur Verfügung zu stellen. Aus der umfangreichen Sammlung alter Deutschlandkarten aus vier Jahrhunderten wurden solche ausgewählt, die sich durch ihre Randgestaltung für eine ganz spezielle Kartenausstellung eignen. Es sollte nur auf die Parerga ankommen, also auf die Mehrzahl von gleichartigen Bildern auf den Kartenrändern, die die Kartenaussage erweitern und die Karte schmücken.
Der von Professor Neumann verfasste, aufschlussreiche und illustrierte Ausstellungskatalog ist als Band 17 der Reihe C Alte Karten der Karlsruher Geowissenschaftlichen Schriften der Fakultät für Geomatik der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft erschienen. Er kann für zehn Euro bei der Fakultät bezogen werden: Moltkestr. 30, 76133 Karlsruhe, Telefon (0721) 925-2911, -2928 und -2590; Telefax -2927.
Zum nicht sehr geläufigen Begriff „Parerga“ führt Professor Neumann in der Einleitung des Ausstellungskatalogs folgendes aus:
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In den Kartenkunden kommt der Begriff „Parerga“ nicht vor. Das 1973 erschienene „Mehrsprachige Wörterbuch kartographischer Fachbegriffe“ sowie die 2. erweiterte Ausgabe „Enzyklopädisches Wörterbuch Kartographie in 25 Sprachen“ von 1997, die den Stand der kartographischen Terminologie vorm Übergang zur Geomatik wiedergeben, bieten im Abschnitt 21 „Karte und Kartenteile“ den Begriff „Nebendarstellung“ und was darunter zu verstehen sei: „Zusätzliche Erläuterung des Kartengegenstandes in Gestalt eines Schaubildes, eines Schnittes, eines Bildes oder ähnlich innerhalb oder außerhalb des Kartenrahmens“. In der herkömmlichen prägeomatischen Kartographie unterscheidet man nach der Ausdehnung des Kartenfeldes Inselkarte und Rahmenkarte. Bei der Inselkarte ist das Kartenfeld durch die äußere Grenze des dargestellten Gebietes gegeben, bei der Rahmenkarte durch den Kartenrahmen. Die Fläche außerhalb des Kartenfeldes oder außerhalb des Kartenrahmens ist der Kartenrand, oft mit den beim Kartengebrauch behilflichen oder sogar notwendigen schriftlichen oder bildlichen Kartenrandangaben. Seit Karten gedruckt werden und gelegentlich bis heute, fanden und finden sich auf dem Kartenrand Nebendarstellungen, die einerseits eigenständig (also nicht nur wegen des Kartengebrauchs) gebietsbezogen zusätzliche Erläuterung liefern, andererseits bisweilen außerdem einem den eigentlichen Kartenzweck überwuchernden, Kartenkäufer lockenden Schmuckzweck huldigen, die Parerga. Folglich trugen die Erzeugnisse der behördlichen Kartographie solcherart Randausstattung kaum, öfter hingegen die der marktbedürftigen gewerblichen Kartographie. Daher kennen die in das Kartenverständnis der behördlichen Karten einführenden Kartenkunden Parerga nicht. Allerdings waren Parerga schon vor der breiten Entwicklung der behördlichen Kartographie seit dem 19. Jahrhundert nicht übermäßig häufig. Aus zwei Antiquariatskatalogen mit über 700 bzw. 130 abgebildeten angebotenen Karten des 16. bis frühen 19. bzw. des 16. bis 18. Jahrhunderts ist (ohne Berücksichtigung der Weltkarten) zu entnehmen, dass nur 2 % bis 5 % der Karten dieses Zeitraumes mit Parerga versehen sind. Der Altmeister der wissenschaftlichen Kartographie, Max Eckert, erwähnt die Parerga in den beiden 1921 und 1925 erschienenen Bänden der „Kartenwissenschaft“. Im 1. Band widmet er sich in Teil I „Die Kartographie als Wissenschaft“ unter B der Erforschung des Wesens der Karte, unter B II in den Paragraphen 23 bis 30 der Bedeutung der Karte und dabei (S. 81-85) in § 29 „Karte und Kunst“. Dies sei ein ungeklärtes Kapitel in der Kartographie. Auf vielen Karten des 16. bis 18. Jahrhunderts, ja auf französischen bis tief ins 19. Jahrhundert hinein, erscheine der eigentliche Karteninhalt mehr oder minder als Nebensache und das „Drum und Dran“ sei die Hauptsache, dass heißt die reich verschnörkelte Randleiste, die Titelsetzungen und -Verzierungen, die Parerga und sonstige Ausschmückungen, wie Städteansichten, Volkstypen, Trachtenbilder. Selbst zur Unterbringung ganzer Fürstengalerien und dazu gehöriger Wappen diene die Karte. Im 2. Band kommt Eckert in Teil VI „Ästhetik und Logik der Karte“ unter A „Ästhetik der Karte“, A I in den Paragraphen 248 bis 254 „Grundlagen der Kartenästhetik“ (S. 677-680) zum § 254 „Historische Elemente der Kartenästhetik“. Er schreibt: „Die eigentliche Blüte der die Karte ausschmückenden Bilder, der Parerga, die vielfach das Beste an den ganzen altern Karten sind, war erst in der Zeit von G. Mercator bis J. C. Lotter. Ein Meister der Ausschmückung mit Parerga und der Illumination war der Niederländer Justus Danckert. Die Schmuckbildchen zeigten teils sagenhafte und phantastische Meeres- und Landungeheuer teils natürliche Stadt-, Landschafts- und Volkstypenansichten. Auch die Bilder der römischen Kaiser, von Wappen und Münzen waren der kartographischen Ornamentik nicht fremd. Die Ecken der Karten werden gern mit den Klimaten Strabos ausgefüllt. Auf Gui. Jansonius Erdkarte Nova totius terrarum orbis geographica ac hydrographica tabula sind am obern Rande die Bilder der sieben Hauptgestirne angebracht, am linken Kartenrand die vier Elemente, am rechten die vier Jahreszeiten, am untern Kartenrand die sieben Weltwunder und in den untern Ecken noch zwei Polarkärtchen (s. Abb. 4, S. 14). Größere und kleinere Legenden mit und ohne Rahmen finden sich über das Kartenbild zerstreut. Die das eigentliche Kartenbild umrahmenden Bildchen sind ohne Zweifel ein überflüssiger Teil an der Karte. Immerhin sind sie für das gesamte Kartenbild meistens nicht so störend wie die vielen Nebenkarten, mit denen man neuerdings Übersichtskarten zu bespicken pflegt.... Der durch die Randbilder geförderte dekorative Schmuck der alten Karten bildet, um es nochmals zu wiederholen, einen wesentlichen Bestandteil des Kartenbildes. Auf eine geschmackvolle Umrahmung wurde in den altern Zeiten eine außerordentliche Sorgfalt verwendet. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verlor sich diese Art Ausschmückung mehr und mehr und machte im 19. Jahrhundert einer geschmacklosen Nüchternheit Platz. 200 Jahre vor Eckert befasste sich der Kartentheoretiker des 18. Jahrhunderts M. Eberhard David Hauber in seinem „Versuch einer umständlichen Historie der Land-Charten“ (Ulm 1724) mit den Parerga. Im I. Theil „Historie der Land-Charten insgemein“, IV. Abtheilung „Beschaffenheit, Eigenschafften, Gattungen“ sah er neun Kapitel vor, deren 3. von Separation und Abtheilung, Illumination, Titul und Nebenfiguren zu handeln hätte. In Fußnote (e) zu Nebenfiguren wird ausgeführt: „In diesen werden entweder die Wapen der auf einer Charten vorgestellten Länder, oder einige Dinge auß der Historia Naturali, öffters auch einfältige unverständliche Phantasien abgebildet. Zu unseren Zeiten haben hierinnen besonders die Homannische Charten einen Vorzug, als in welchen diese Parerga oder Neben-Figuren allezeit etwas angenehmes und nützliches, auß der Mythologie, oder Historie, x. vorstellen.“ Im Singular als Parergon kommt der Begriff ebenfalls in der älteren Kartographie vor, nämlich bei Abraham Ortelius. Seit 1570 veröffentlichte er den ersten eigentlichen Atlas „Theatrum Orbis Terrarum“, der den sog. Ptolemäus-Atlas ersetzte. Von 1579 an ergänzte er das Theatrum mit Geschichtskarten zum griechisch-römischen Altertum und bezeichnete diesen Anhang als Parergon Geographiae Veteris. Das altgriechische Wort Parergon griff in mehreren Disziplinen. In der Kunstgeschichte sind Parerga Menschen und Tiere in Landschaftsgemälden des 17. bis 19. Jahrhunderts. In der Philosophie ist Schopenhauers in Berlin 1851 erschienene Sammlung kleinerer philosophischer Schriften „Parerga und Paralipomena“ (Paralipomena = Nachträge, Ergänzungen) berühmt geworden. Mit der Sache, nicht mit dem Begriff befassten sich zuletzt G. Schilder (l990) und P. Meurer (2001), und zwar unter dem Blickwinkel des Randschmuckes, ersterer in den Abschnitten III.b. „The Development of Decorative Borders on Dutch Wall Maps before 1619“ sowie III.c. „The decorations on Blaeu’s wall maps of the world of 1619 and 1645/46“, letzterer im Abschnitt 0.7 Exkurs III: „Elemente der dekorativen Randgestaltung von Germania-Karten“. In der Tat haben die Bilder einen Schmuckzweck, aber mehr noch - und das sagen beide Verfasser auch - ergänzen und erweitern sie die Kartenaussage, und zwar durch ihre gleichartige Mehrzahl außerhalb des Kartenfeldes von Insel- und von Rahmenkarten. Sie unterscheiden sich damit von anderen Bildern in der Karte, zum Beispiel von Schmuckbildchen im Kartenfeld, die die Funktion von Kartenzeichen haben (wie Schiffe oder Meeresungeheuer zur deutlicheren Meeresdarstellung, eine Menschenfresseridylle zur Kennzeichnung Südamerikas) oder zwecks Verstärkung des Kartentitels Kartuschenverzierung mit Fahnen- und Kanonenfächer und einer Schlacht- oder Belagerungsszene. |
Helmut Lehmann
Quelle: Joachim Neumann, Germaniae Parerga. Alte Deutschlandkarten aus der Sammlung Niewodniczanski, Karlsruher Geowissenschaftlichen Schriften, Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft, Fakultät für Geomatik, Band 17, Reihe C Alte Karten, Karlsruhe 2009