20091126 Bericht Fischer.shtml 22.03.2012
26. November 2009
Vermessungs- und Kartographiegeschichtliches Kolloquium 2009/2010
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Foto Helmut Lehmann Francis Fischer, Kehl am Rhein |
Am 26. November 2009 kam ein leidenschaftlicher Kartensammler zu Wort. Francis Fischer, Bankjurist, Kehl am Rhein, war als in Deutschland lebender Franzose für das Thema des Abends besonders kompetent. Er sprach über „Die französischen Atlanten im Laufe des 19. Jahrhunderts (1820 – 1925)“ und begann mit Vorbemerkungen über die Besonderheiten der französischen Atlanten. Im 18. Jahrhundert war die Kartographie Sache des Königs. Karten wurden nur aus militärischen Gründen hergestellt und genutzt sowie für Entdeckungszwecke in Übersee, jedoch nicht für die Wissenschaft und das Ingenieurwesen. Unter Napoleon wurde die Kartographie noch geheimer. Kartographen waren ausschließlich Offiziere oder Ministerialbeamte. Es gab keine großen Verlage, wie etwa Homann in Deutschland, die für eine städtische Kundschaft gearbeitet hätten. Atlanten dienten nur wenig der Erdkunde. Geographie war damals noch keine selbständige Wissenschaft. Die meisten Kartographen trugen den Titel "Ingénieur-Géographe du Roy" und zeichneten ihre Karten für Befestigungs- und Verteidigungsarbeiten sowie für den Straßenbau.
Man unterscheidet zwischen Militär- und Departementsatlanten. Letztere dienten ausschließlich der Staatsverwaltung. Bis 1972 wurde in ganz Frankreich in den Fächern Geographie und Geschichte nach einheitlichen Vorgaben unterrichtet. Entsprechend gab es keine Regionalatlanten, wie in Deutschland. Auch der Begriff „Handatlanten“ ist unbekannt. Die überwiegend arme Landbevölkerung kaufte keine „Großen Atlanten“ und stellte sie ins Regal, um ihre vaterländische Gesinnung zu offenbaren.
Einige interessante „Meilensteine“ wurden über die Kombination Videokamera und Beamer gezeigt, wie etwa der 1865 bei Hachette erschienene „Atlas général de la France“ von Eugène Cortambert, einer der ersten Schulatlanten Frankreichs, mit seinen wunderschönen Karten. Unter dem Verleger Louis Hachette erreichte die französische Kartographie ihren Höhepunkt. Er eröffnete bereits 1826 in Paris seine erste Buchhandlung und gründete später die Bahnhofsbuchhandelskette. Noch zu seinen Lebzeiten entwickelte sich sein Betrieb zum größten Verlags- und Buchhandelhaus Frankreichs. Das ist es bis heute geblieben. Der deutschstämmige Geograph Franz Schrader ließ als Chefkartograph bei Hachette die Alpen vollständig nach modernen Methoden kartieren. Das Haus bearbeitete und verlegte im 19. Jahrhundert unter anderem Atlanten, Geographische Schulbücher und Reiseführer. Es brachte weitere Atlanten heraus, wie die von Alexandre Vuillemin, Eugéne Cortambert, Louis Vivien de St Martin und Franz Schrader. Die französischen Atlanten waren nicht nur für Frankreich gedacht. Es gab auch schweizerische und belgische Kundschaft und die französischen Lehranstalten auf der ganzen Welt.
Helmut Lehmann