20110511 Exkursion Goettingen.shtml 14.03.2012

 

11. Mai 2011

Exkursion nach Göttingen, Hannover und Braunschweig

Apfel und Fliege, Entenschnabel und Paternoster

Am 11. Mai 2011 war es endlich wieder so weit: drei Tage Exkursion zu kartographischen Zielen, dieses Mal in Niedersachsen. 31 Interessierte bestiegen den Bus. Den Großteil machten Studierende des Studiengangs Kartographie und Geomatik aus. Mit dabei waren aber auch Studenten der Studiengänge International Geomatics Master und Geoinformationsmanagement. Die von der Fakultät Geomatik der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft veranstaltete Exkursion wurde von Prof. Dr. Gertrud Schaab und von Dipl.-Ing. Ulrike Werner vorbereitet und geleitet.

Am ersten Tag stand die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) Göttingen auf dem Programm. Hier lernten die Teilnehmer in den historischen Räumen von Dr. Helmut Rohlfing, dass diese um 1800 die größte Uni-Bibliothek war und heute den stolzen fünften Platz in Deutschland einnimmt, und bekamen vier ausgewählte Schätze präsentiert: The Mirror of the World von William Caxton etwa 1481, die Ptolemäus-Ausgabe von 1482, den Ortelius-Atlas von 1595, sowie als frühe thematische die Etzlaub-Karte von 1500 mit Wegen nach Rom. Dr. Mechthild Schüler weihte die Besuchergruppe in die Nutzung einer der größten Kartensammlungen Deutschlands ein (selbst Fernleihe ist möglich!) und veranschaulichte die Schwierigkeiten der Beschaffung, Katalogisierung, Aufstellung und Pflege. Hier werden im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) speziell thematische Karten gesammelt. Mit etwa 6 000 Atlanten gab es für jeden etwas Spannendes zu entdecken. So blieben zum Beispiel die bemerkenswerte Zeile „like the flie goes around an apple“ von Caxton zur frühen Veranschaulichung der Erde als Kugel in Erinnerung oder der bestimmt ganz wichtige Große James Bond Atlas von 2008.

 

In der Kartensammlung der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek in Göttingen

Foto Detlef Günther-Diringer

In der Kartensammlung der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek in Göttingen

 

Am zweiten Tage besuchte man das Geozentrum Hannover. Hier hatten Mitarbeiter zwei kurzweilige Vortrags- beziehungsweise Vorführungsreihen vorbereitet: Am Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) stand die digitale Kartographie und 3D-Modellierung im Vordergrund, welche die raumbezogenen Daten und Methoden des Niedersächsischen Bodeninformationssystems (NIBIS) nutzt. Ein Team um Dr. Henning Bombien führte den für jedermann zugänglichen NIBIS-Kartenserver (cardomap) vor, dies im Vergleich mit der vollständigen, aber nicht so nutzerfreundlichen Intranet-Version (cardo). Zudem wurde das NIBIS-Kartenmenü für die automatische Generierung von Kartenprodukten (Plotausgabe über VB.NET aus ArcSDE/SQL-Server Datenbank), die Zusammenführung heterogener Datenbestände für das LBEG-Leitungskataster sowie die 3D-Modellierung des geologischen Untergrunds Niedersachsens (in Zukunft auch der Nordsee) vorgestellt.

An der ebenfalls im Geozentrum untergebrachten Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) erhielt die Gruppe durch Dr. Markus Toloczyki und Kollegen einen Überblick zu den verschiedenen Kartenprodukten (1:200 000 bis 1:5 000 000), zum Teil AML-gesteuert erstellt, fast immer für den Druck aufbereitet), den neuen Aufgaben als Deutsche Rohstoff Agentur (DERA, Stichwort „bloody diamonds“), dem ambitionierten Projekt Geopotential Deutsche Nordsee (GPDN), der Standardisierung im Rahmen von INSPIRE für europaweite Geodatenbestände sowie Beispiele aus Ghana und Argentinien zu Projekten der technischen Zusammenarbeit, bei denen es um die Unterstützung der Partnerinstitutionen beispielsweise im Hinblick auf die Geologischen Dienste geht.

 

Vor dem großen Mosaik geologischer Übersichtskarten bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe

Foto Detlef Günther-Diringer

Vor dem großen Mosaik geologischer Übersichtskarten im Geozentrum Hannover

 

Mit dem „Entenschnabel“ (deutscher Teil der Nordsee in entsprechender Form), Anekdoten aus zurückliegenden Jahren, Geschichten von vor Ort sowie Kaffee wurden die Zuhörer am Geozentrum bei Stange gehalten. Der Tag war damit aber noch nicht zu Ende. Abends zeigte Prof. Dr. Peter Freckmann seine Heimatstadt. Es machte ihm sichtlich Spaß, mittels Geschichten statt trockener Fakten die Gegensätze und Entwicklungen in der Innenstadt von Hannover aufzuzeigen. Er hatte nur vergessen die Gruppe zu warnen, dass das Wetter soweit im Norden leicht umschlagen kann.

 

Gruppenbild mit „Nana“, Plastik von Niki de Saint Phalle in Hannover

Foto Detlef Günther-Diringer

Gruppenbild mit „Nana“, Plastik von Niki de Saint Phalle in Hannover

 

Den Abschluss bildete am dritten und letzten Exkursionstag der Besuch des Bildungshauses Schulbuchverlage. Dem Leser sei der vollständige Namen erspart, wird doch nach wie vor der ehemalige Name Westermann mit Braunschweig beziehungsweise „dem Diercke“ verbunden. In Empfang genommen wurden die Karlsruher von Michael Albrecht. Da die Gruppe nicht wie an den Tagen zuvor aufgeteilt werden konnte, besichtigten alle zusammen die Fertigungsbereiche der großen Druckerei und die Kartographie im Großraumbüro. In der Druckerei beeindruckte die große Anzahl von Maschinen (Visualisierung zur Planung der Maschinenbelegung, Druckvorstufe, Druckplattenkopie, Digitaldruck, Rollen- und Bogenoffsetdruck, Papierwender, Dendrometer, Beschnitt), an halbfertigen Produkten (Zwischenlager) und die Fertigungsstraßen (Fadenheftung, Leimung, Umschlag-Kaschierung, Paternoster für das Einkleben des Buchblocks in den Umschlag, Einschweißen). Und wir hatten Glück, der rote Diercke lief gerade übers Band.

Während der Lärm der Druckerei die 30 Besucher bei weitem übertönte, müssen sich die Mitarbeiter in der Kartographie wie im Bienenschwarm vorgekommen sein. Zu Beginn wurde ein Rück- und Überblick zu 128 Jahre „Diercke“ geboten sowie eine Einführung in die Produktpalette. Dann durften die Teilnehmer den Kartographen bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen und Fragen stellen: beim Kartenzeichnen mit Illustrator am Mac, bei Entwürfen auch noch vereinzelt mit Tusche und Lupe, beim Arbeiten mit Axpand (bislang nur für die Geometrien der physischen und politischen Karten genutzt) oder bei der Schummerung mit Photoshop (das können nur wenige!).

 

Vorstellung der Produktpalette durch Dipl.-Ing. (FH) Harald Iden im Bildungshaus Schulbuchverlage

Foto Detlef Günther-Diringer

Vorstellung der Produktpalette durch Dipl.-Ing. (FH) Harald Iden im Bildungshaus Schulbuchverlage

 

Was haben wir gelernt? Fast nichts ist hochwertiger als ein Schulbuch, dazu gehören insbesondere auch die Schulatlanten. Und, durch Braunschweig fließt die Oker. Leider war die Mittagspause doch zu kurz für einen Braunschweig angemessenen Bummel durch die Altstadt. Denn es stand ja noch die lange Heimfahrt an.

Mit vielen Informationen und Eindrücken sind die Reisenden am 13. Mai zurückgekehrt. Die Kartographie ist heute vielseitiger, als dies von außen scheinen mag. Je nach Vorlieben und Fähigkeiten sollte jeder (s)eine Nische finden können. Motivierend stimmt hier, dass es an den besuchten Stätten überall Verbindungen zur Kartographie an der Hochschule Karlsruhe gibt, über Absolventen oder kartographische Produkte. Nach Göttingen, Hannover und Braunschweig ein herzliches Dankeschön!

Gertrud Schaab und Ulrike Werner

Dieser Exkursionsbericht ist inzwischen in den Kartographischen Nachrichten erschienen (KN 1/2012, Seite 38 f, Karlsruher Studierende auf Exkursion in Göttingen, Hannover und Braunschweig).